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lebensART

Kein Licht, überhaupt kein Licht, nichts an Helligkeit, nicht irgendein Schimmer am Horizont

Zitat von Frank Etienne, Schriftsteller und Maler aus Haiti, Überlebender des Erdbebens

Meine Erblindung   trat einige Wochen nach dem schrecklichen Erdbeben in Haiti ein. Ich hatte die Ereignisse um dieses Land intensiv verfolgt, seitdem ich der haitianischen Musikerin Marlène Dorcena vor Jahren an zwei Konzerten begegnen durfte. Eines ihrer wunderbaren Lieder hatte ich damals in ein Gemälde umgesetzt. Eine tiefe Verbundenheit liess mich innerlich   erahnen, was für ein Trauma es sein muss, wenn der Boden unter den Füssen nicht mehr trägt und die Wucht der Zerstörung alles verschlingt.  Diese Ahnung wurde zum eigenen Erleben, als auch mich eine grosse Erschütterung erfasste die Blindheit. Die frühere  Welt war für immer entschwunden, existierte nur noch in der Erinnerung weit weg von der neuen Realität. War das nun das Ende meines Kunstschaffens? Die Versuchung war gross, mein Atelier für immer zu schliessen und meine Werke zu vernichten. Ein kurzer Bericht am Fernsehen machte mir jedoch klar, worin die Herausforderung der Erblindung für mich  letztlich besteht: Wenige Tage nach dem Erdbeben hatten die haitianischen Künstler damit begonnen, aus den Trümmern ihrer Stadt Skulpturen zu bauen. Der Vernichtungsschlag hatte ihre Kreativität  nicht gleichzeitig vernichtet. Diese Botschaft half mir, auf die Zerstörung meiner Netzhaut nicht mit einer weiteren Zerstörung zu antworten.

Zitat:

Mich hat das alles furchtbar getroffen. Damals überlegte ich, sollen meine Figuren auch unter den Trümmern begraben werden oder reisse ich mich zusammen und lasse ich sie leben und gestalte damit sozusagen meinen eigenen Heilungsprozess? Ich fing wieder zu arbeiten an und machte mir Notizen. Schrieb Eindrücke, Dinge, die ich auf der Strasse sah, die ich hörte.... Wie dem Unglück nicht einen doppelten Sieg einräumen, jenen, der uns Körper und Seele zermalmt, und jenen, der uns anschliessend unserer einzigen Abwehr gegen ihn beraubt? Wie der Literatur den Platz, der ihr zusteht, zuteilwerden lassen? Wie Literatur schaffen im Angesicht des Unglücks?

Dieses Zitat stammt von Yanick Lahens, Schriftstellerin, lebt und schreibt weiterhin in Haiti

Die Art, wie Yanick Lahens nach der Katastrophe das Leben gestaltet, beeindruckt mich. Ich finde darin jene Integrität, die eine Solidarität mit allen Betroffenen schafft, indem sie vom eigenen Leiden absieht. Wort um Wort, Bild um Bild bringt diese Lebensart Werke hervor,  die das Licht einer neuen, anderen  Welt erblicken.

Yanick Lahens
Buch-Tipp: Yanick Lahens, failles;
deutsche Version: Und plötzlich tut sich der Boden auf






CD-Tipp: Marlène Dorcena, Mésy

Hinweis: Die Zitate von Frank Etienne und Yanick Lahens stammen aus der Sendung Metropolis, die am 15. Januar 2011 auf Arte ausgestrahlt wurde. Die Aussagen  von Yanick Lahens waren zu meiner grossen Freude mit einem Lied meiner Freundin Marlène Dorcena untermalt.

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