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blindART

Gabriela Sieber-Trüeb ist 1963 geboren. Seit dem Ausbruch einer chronischen Krankheit im 11. Lebensjahr sind das Malen und Zeichnen ihre Weggefährtinnen. Die Künstlerin erblindete infolge ihrer Krankheit im Februar 2010 vollständig. Innerhalb weniger Monate gelang es ihr, neue Techniken und bildgebende Verfahren zu entwickeln, die ihr erlauben, das künstlerische Schaffen fortzusetzen. Sie arbeitet intensiver denn je in ihrem Atelier. Ihre Vielseitigkeit erstaunt: Neben dem Umgang mit Farben und Schere, Draht und Wolle findet sie auch im Schreiben von Texten und Gedichten eine Möglichkeit, mit den extremsten Lebenssituationen kreativ umzugehen. Diese Freude und Lust am Gestalten erklärt sie sich folgendermassen:

Der Ausbruch meiner Krankheit im Kindesalter bedeutete ein schweres Trauma für mich. Noch zu jung, um rein intellektuell zu verstehen, was in meinem Körper Lebensbedrohendes vorging, hatte ich dennoch in Sekundenbruchteilen begriffen, dass mich etwas aus der Lebensbahn geworfen hatte, das unwiderruflich alle Sicherheit und Normalität für immer in Frage stellen würde. Ich flüchtete nicht in eine Depression oder einen Suizid, sondern wandte mich den Farben zu. Das hat mich gerettet. Heute weiss ich, dass ich damals intuitiv, Pinselstrich um Pinselstrich gelernt habe, mich nicht in der traumatischen Bahn zu bewegen, sondern eine zweite Bahn zu nutzen, die mir half, mit der existenziellen Angsterfahrung umzugehen. Die Neurobiologie gibt mir Recht: Wir wissen, dass traumatische Erlebnisse die Amygdala, auch Mandelkern genannt. in unserem Gehirn aktivieren, so dass jene Hormone ausgeschüttet werden, die unsere Fluchtbereitschaft mobilisieren. Wer ein Trauma erlebt hat, wird immer wieder in ähnlichen Situationen diese Angstbahn benutzen - auch wenn es nicht nötig ist. Ein Denkmuster hat sich so verfestigt, dass es den Menschen beherrscht und sein Gefühlsleben terrorisiert. Eugen Drewermann hat in seinem Buch Wir glauben weil wir lieben jedoch beschrieben, dass der Mensch eine zweite neuronale Bahn in seinem Gehirn aktivieren kann, die auch zur Amygdala führt. Wer diese benutzt, hat seine Angsterfahrungen reflektiert und gelernt, mit ihnen umzugehen. Es gibt also nicht nur einen traumatischen Weg, sondern auch einen therapeutisch nutzbaren zweiten Weg, Denk- und Verhaltensmuster zu verändern. Ist das nicht sehr tröstlich? Künstlerinnen und Künstler haben einen besonderen Zugang zu dieser zweiten Bahn. Amygdala – blindART ist der lebendige Beweis dafür. Wie sonst könnte ein black out solche Farben und Formen hervorbringen?

 

Buchtipp: Nathalie Knapp: anders denken lernen; von Platon über Einstein zur Quantenphysik  

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